WUNDERVOLLE GESCHICHTE - EINE GESCHICHTE VOLLER WUNDER

Die Marienerscheinungen von Fatima im Kontext der politischen Geschehnisse

Fachbereichsarbeit aus Religion von Judith KAINHOFER

 

 

 

 

 

2. INHALTSVERZEICHNIS

 

 

 

 


 

3. EINLEITUNG

In der heutigen Zeit ist es nicht mehr selbstverständlich und "normal", über Erscheinungen von Jesus Christus, Maria oder von Heiligen zu sprechen. Diese Zeiten sind längst vorbei - schon seit Jahrhunderten.

Heute bestimmen Rationalismus und Leistungsdenken unser Leben, wissenschaftlich Beweisbares rückt immer mehr in den Vordergrund und droht uns Menschen des 20. Jahrhunderts teilweise sogar zu "versklaven".

Doch auch heute - vielleicht sogar stärker als je zuvor - ist die Suche und das Bedürfnis nach "mehr" vorhanden, nach etwas, das "höher" ist als unser menschlicher Verstand - nach etwas "Übersinnlichem". Diese Sehnsucht schlägt sich zu einem großen Teil in der heute so populären Esoterik-Welle nieder, doch auch die traditionelle Religion kann Antworten geben auf die aktuelle Situation - wenn man sie nur läßt...

Fatima ist meiner Meinung nach ein Beispiel für so eine Antwort, denn Zeitpunkt und Ort für die Marienerscheinungen von 1917 wurden mit Sicherheit nicht nach dem Zufallsprinzip bestimmt. Die Erscheinungen fanden in einer Zeit der politischen Instabilität und der unsicheren Zukunftserwartungen statt und wiesen vielen Menschen den Weg zu einer Lebensänderung an. - In einer ausweglos scheinenden Situation "griff" sozusagen "der Himmel helfend ein".

Meine Arbeit ist als Versuch zu verstehen, die "Welt des Religiös-Übersinnlichen" und die "Welt des Politisch-Rationalen" einander ein klein wenig näherzubringen, hie und da eine Verbindung aufzuzeigen - und vielleicht manches "neu" verständlich zu machen.

 

Inhaltlich kann meine Arbeit im groben in zwei große Abschnitte gegliedert werden:

  1. Im ersten Abschnitt wird der Schwerpunkt vor allem auf dem religiösen Aspekt liegen: Mehrere Erscheinungen und viel "Geheimnis-Volles" wird hier behandelt werden.
    Zuvor möchte ich allerdings kurz auf den Erscheinungsort Fatima und auf die "Seherkinder" eingehen, da diese als direkter Kontext der Erscheinungen wohl grundlegend für deren Verständnis nötig sind.
    Zum Abschluß dieses ersten großen Abschnitts, der gleichzusetzen ist mit der vorhin genannten "Welt des Religiös-Übersinnlichen", werde ich mich noch der Botschaft von Fatima zuwenden und so das Geschehen von Fatima 1917 abzurunden versuchen.
  2. Der zweite Abschnitt steht wohl im krassen Gegensatz dazu: Nicht mehr "Religiös-Spekulatives", sondern politische und wirtschaftliche Tatsachen stehen im Mittelpunkt - in diesem zweiten Teil wird also der politische Kontext der Erscheinungen von Fatima 1917 näher beleuchtet werden.
    Um präziser zu werden: Zuerst möchte ich auf die Situation Portugals am Beginn des 20. Jahrhunderts, aber auch auf die weitere Entwicklung dieses Landes eingehen.
    Danach soll Gesamteuropa - hierbei vor allem der Erste Weltkrieg - und schlußendlich Rußland im Mittelpunkt stehen.
    Warum gerade Rußland? - Diese Frage wird an einer anderen Stelle in meiner Arbeit noch einmal gestellt werden und dann - hoffentlich - auch eine befriedigende Beantwortung erfahren.

 

 

 


 

4. DER ERSCHEINUNGSORT FATIMA

Der Ort Fatima liegt ca. 130 km nördlich der portugiesischen Hauptstadt Lissabon, auf halbem Weg zur berühmten Universitätsstadt Coimbra, er gehört zum Distrikt Santarém und zum Bezirk Vila Nova de Ourém.

Den arabischen Namen "Fatima" erhielt der Ort aufgrund einer Legende, der zufolge sich die schöne Maurenfürstentochter Fatima im 12. Jahrhundert aus Liebe zu einem christlichen Ritter taufen hatte lassen und hier ihre letzte Ruhestätte fand.

Dieser arabische Name gibt Nidiaye Anlaß zu einer Parallele zwischen Fatima, der Tochter Mohammeds, und der Gottesmutter Maria:

Im Islam hat die Gestalt der Fatima eine ähnliche, wenn nicht gar die gleiche Bedeutung wie im Christentum die der Maria. ... Die alte arabische Göttin al-Alat wandelte sich im Islam zu einer männlichen Gottheit, Allah. Ihre weiblichen Eigenschaften wurden Fatima, der angeblichen Tochter Mohammeds, zugesprochen. Seltsamerweise wird Fatima dennoch gleichzeitig als "Mutter ihres Vaters" bezeichnet, als "Schoß der Sonne" und Schöpferin. Sie personifizierte auch den Rosengarten des Paradieses. Arabische Mystiker waren es, die den Rosenkranz nach Europa brachten, der dann der christlichen Himmelskönigin gewidmet wurde.

Diese Parallele läßt sich noch durch das Islam-Lexikon von Khoury ergänzen. Dort ist zu lesen, daß Fatima an mehreren Stellen mit Maria verglichen wird,

wenn sie dieser nach muslimischer Anschauung auch überlegen ist. Sie ist die Frau der Frauen. Gott hat sie nach diesen Vorstellungen zur Herrin aller Frauen in dieser Welt und der künftigen gemacht. ... Man wird wohl feststellen können, daß die tatsächliche historische Rolle der Fatima wie die Marias in einer patriarchalischen Gesellschaft gering eingeschätzt werden muß. Die sich im Verlauf der Geschichte entwickelnde Verehrung der Tochter Muhammads in ebendieser von Männern dominierten Gesellschaft stellt eine Parallele zu Maria im Christentum dar.

Heute ist der Ort Fatima ein bekannter Marienwallfahrtsort, der jährlich von einigen hunderttausend Pilgern aufgesucht wird.

 

 

Im Laufe der Zeit wurde eine dementsprechend gute Infrastruktur geschaffen, das Gebiet immer stärker verbaut, und der Tourismus wurde zur Haupteinnahmequelle für die einheimische Bevölkerung.

Schäfer bezeichnet Fatima heute als "Stadt aus der Retorte".

Vor 80 Jahren, zur Zeit der Marienerscheinungen im Jahre 1917, jedoch war Fatima noch ein kleines, unbedeutendes Dorf mit rund 2500 Einwohnern auf einer Hochebene etwa 340 m über dem Meeresspiegel.

Von Tourismus war noch keine Rede, die Bevölkerung war arm und lebte zum größten Teil von der Landwirtschaft. Da der trockene Steinboden nur wenig ertragfähig und das Land wasserarm war, mußten selbst die Kinder, ihrem Alter entsprechend, mithelfen, um unter diesen Bedingungen den Lebensunterhalt sichern zu können. Meist hüteten sie die Schafe, die zum wertvollsten Besitz der Bauern zählten, oder arbeiteten auf den Feldern oder im Haushalt mit, die Volksschule im Ort besuchten nur wenige Kinder.

Aufgrund der fehlenden Bildung der Bevölkerung und der relativ abgeschiedenen Lage des Ortes - die Hochfläche war nur durch wenige schlechte Hohlwege mit der Ebene verbunden - standen Religion und Arbeit im Mittelpunkt des Lebens der Bewohner Fatimas, mit Politik und dem Weltgeschehen beschäftigte sich hier kaum jemand.

Die Kerngemeinde Fatima war von mehreren Weilern umgeben, einer davon war Aljustrel, eine Ansiedlung von Bergleuten, wo auch die drei Hirtenkinder Lucia, Francisco und Jacinta wohnten.

Der eigentliche Erscheinungsort liegt allerdings nicht im Ort Fatima selbst, sondern in einer 2,2 km westlich vom Dorf gelegenen Talmulde, die im Volksmund "Cova da Iria", zu Deutsch "Mulde der Irene" oder "Friedensmulde" genannt wird. Daß mit der Zeit der Name "Fatima" für den Erscheinungsort überwog, liegt daran, daß dieser Name bekannter und geläufiger war.

 

 


 

5. DIE "SEHERKINDER"

Hierzenberger und Nedomansky schreiben über die Funktion der Seher bzw. Seherinnen:

Der oder die Seher bzw. Seherinnen sind notwendig, um den "Einbruch Gottes" in die Welt, die Gott gegenüber verschlossen ist, zu ermöglichen. Sie sind die Vermittler, damit das Wirken Gottes "sinnenhaft" wahrgenommen werden kann. Sie nehmen die menschliche Reaktion, eben das vorhin genannte gläubige Vertrauen vorweg, sie bringen es stellvertretend an den Tag, haben eine Katalysatorfunktion, ermöglichen eine Initialzündung, sind Werkzeuge, Vermittler, Medien für das Einwirken von Gottes Licht in die Finsternis dieser Weltzeit.

Außerdem wird über die Voraussetzungen, die die Seher und Seherinnen mitbringen, folgendes erwähnt:

Man könnte sagen, je weniger einschlägige Voraussetzungen sie mitbringen, um so "reiner" scheinen die Intentionen Marias "durchzukommen". Dies ist vor allem bei den großen "Botschaften" Marias festzustellen, die fast durchwegs über - was die Vorbildung anlangt - ganz einfache Menschen laufen und daher relativ "unverfälscht" "jenseitige Gedanken" zur Sprache bringen.

Obwohl insgesamt - über die Jahrhunderte hinweg - eine ungefähre Drittelung der drei Gruppen Männer, Frauen und Kinder festzustellen ist, dominieren bei den kirchlich anerkannten Marienerscheinungen, wie z.B. in La Salette, Lourdes und auch in Fatima, doch auffällig die Kinder, die aufgrund ihrer Entwicklung kaum spirituelle Voraussetzungen mitbringen können.

Um das eben Gesagte noch einmal zusammenzufassen:

Die Seher spielen bei Erscheinungen eine sehr wichtige Rolle. Das wirklich Entscheidende dabei ist aber nicht ihre Lebensweise oder ihr sozialer Stand, sondern viel mehr die Bereitschaft, Gottes bzw. Marias Wort anzunehmen und den Menschen zu vermitteln.

Trotzdem soll an dieser Stelle ein kurzer Blick auf die Person und das Leben der drei Seherkinder von Fatima geworfen werden:

 

 

 

5.1. Lucia de Jesus dos Santos

Lucia de Jesus dos Santos wurde am 22. März 1907 in Fatima als jüngstes von sechs Kindern geboren.

Zumeist wird sie als sehr einfaches, bescheidenes und braves Mädchen beschrieben. Hesemann fügt aber noch hinzu, daß sie "kein hübsches Kind", sondern vielmehr ein "derbes Bauernmädchen" gewesen sei, das es liebte, "sich aufzuputzen".

Ihre Eltern waren "ehrbare und tiefgläubige Leute", und so erzogen sie ihre Tochter auch zu großer Wahrheitsliebe, Redlichkeit und Bescheidenheit.

Lucia war zum Zeitpunkt der Marienerscheinungen 10 Jahre alt. Sie war dasjenige der Seherkinder, das die Gottesmutter sah, hörte und auch mit ihr sprach.

Bereits im Alter von 14 Jahren trat sie in das Kollegium "Asilio do Villar" in Porto ein, das von Schwestern der Hl. Dorothea geleitet wird, von einem Eintritt in den Karmel riet man ihr wegen zu geringer physischer Kräfte ab.

Im Oktober 1926 wurde Lucia in das Noviziat der Portugiesischen Provinz des Institutes der Seligen Paula Frassinetti in Tuy, einer alten spanischen Stadt an der Grenze zu Nordportugal, aufgenommen. Mit dem Habit empfing sie den Namen Maria das Dores, zu Deutsch "von der Schmerzensmutter", und wurde zur Verrichtung häuslicher Arbeiten bestimmt.

Da sie immer wieder von vielen Besuchern und Fragestellern, die Einzelheiten über die Marienerscheinungen erfahren wollten, gestört wurde, "ist es verständlich, daß in dem Herzen der frommen Ordensfrau der alte Wunsch, in den Karmel einzutreten, wieder erwachte". So trat sie im März 1948 in den neuerrichteten Karmel von Coimbra ein und erhielt den Namen Schwester Maria vom Unbefleckten Herzen.

Die heute 90jährige lebt noch immer dort, abgeschieden von der Außenwelt, und nur wenige haben die Erlaubnis, sie dort zu sprechen.

 

 

 

5.2. Francisco Marto

Francisco Marto, Lucias Cousin, kam am 11. Juni 1908 als Sohn von Manuel Pedro Marto und seiner Frau Olímpia de Jesus in Fatima zur Welt.

Sein Vater "hatte den Ruf, der ernsteste Mann des Ortes zu sein... unfähig, jemand zu betrügen", seine Mutter war zweimal verheiratet, hatte zwei Kinder aus erster Ehe und sieben weitere aus der zweiten, die jüngsten unter ihnen waren Francisco und seine kleinere Schwester Jacinta.

Francisco war ein sehr bescheidener, zurückhaltender und schweigsamer Junge, er glich vom Charakter her sehr stark seinem Vater. Hesemann bezeichnet ihn außerdem als einen "Träumer, wie sein Vater":

Francisco war von den drei Seherkindern stets das unbekannteste und unbeachtetste, die Gottesmutter hatte niemals direkt zu ihm gesprochen - auch hatte er ihre Stimme kein einziges Mal gehört - Francisco hatte die Gottesmutter bei den Erscheinungen nur gesehen. Alles, was er über ihre Botschaft wußte, hatte ihm Lucia mitgeteilt.

Zu Weihnachten des Jahres 1918 erkrankte Francisco an der sogenannten "Spanischen Grippe", Ende Februar 1919 folgte eine starke Lungenentzündung. Nach eigenen Aussagen opferte Francisco all seine Leiden dem Heiland und Unserer Lieben Frau auf, er ertrug die Schmerzen, um "den Heiland zu trösten":

Am 4. April 1919 verstarb Francisco im Alter von zehn Jahren "ohne Todeskampf", und ein "Lächeln verklärte seine Züge", wie bei Fonseca zu lesen ist.

Lucia schrieb über ihren Vetter:

Francisco schien gar nicht der Bruder Jacintas zu sein, er glich ihr weder in den Gesichtszügen, noch bei der Übung der Tugenden. Er war nicht eigensinnig und lebhaft wie sie. Er hatte im Gegenteil ein friedliches und nachgiebiges Naturell.

 

 

 

5.3. Jacinta Marto

Seine Schwester Jacinta Marto wurde am 11. März 1910 ebenfalls in Fatima geboren. Sie war das jüngste der drei Seherkinder und wird einerseits als sehr "selbstsüchtig und schnell beleidigt" beschrieben, andererseits nannte man sie aber "den kleinen Engel", wie Hesemann schreibt.

Durch die Erscheinungen "reifte" Jacinta sozusagen von einem Tag auf den anderen: sie wurde still, ruhig, fügsam und geduldig - und sie lernte zu opfern und zu leiden. Jacinta sah und hörte die Gottesmutter bei den Erscheinungen 1917, allerdings sprach sie nicht direkt mit ihr.

Der "Hauptinhalt" ihres Lebens wurde für sie, möglichst viele Sünder zu bekehren und Opfer zu bringen "aus Liebe zum Heiland und zum Unbefleckten Herzen Mariens".

Ebenso wie ihr Bruder Francisco erkrankte auch Jacinta an Grippe, als Folge kam aber eine eitrige Brustfellentzündung hinzu. Jacinta wurde schließlich in ein Krankenhaus in Vila Nova de Ourém verlegt, kam dann nach Lissabon in ein kleines Waisenhaus zur Pflege. Durch die dortige Oberin ist ein Bericht über Jacintas letzte Lebenstage und über weitere Marienerscheinungen, die ihr dort zuteil wurden, erhalten.

Anfang Februar 1920 wurde die Todkranke im Spital D. Estefania in Lissabon operiert, ihr Zustand verschlechterte sich aber zusehends.

Am 20. Februar 1920 starb die erst 10jährige Jacinta schließlich einsam und unbeachtet.

Auf Wunsch einer adeligen Familie wurde das Mädchen in ihrer Familiengruft in Vila Nova de Ourém beigesetzt.

Fünfzehn Jahre später wurde ihr Leichnam nach Fatima überführt - zum Erstaunen aller fand man den Leib völlig unversehrt, nur die Finger der rechten Hand waren abgetrennt.

Nach der Errichtung der großen Basilika in der Cova da Iria, dem Erscheinungsort von 1917, wurde Jacinta am 1. Mai 1951 in der Gruft auf der Evangelienseite in der Basilika beigesetzt, die Beisetzung der Gebeine Franciscos auf der gegenüberliegenden Seite folgte am 13. März 1952.

Am 21. 12. 1949 wurde der Seligsprechungsprozeß der beiden Seherkinder eröffnet.

 

 


 

6. DIE ERSCHEINUNGEN

 

6.1 DIE ENGELSERSCHEINUNGEN

Den Marienerscheinungen von 1917 gingen im Jahr davor drei Engelserscheinungen voraus.

Der Engel, der sich selbst "Engel des Friedens" und "Engel Portugals" nannte, erschien Lucia, Francisco und Jacinta auf dem Hügel "Cabeço".

Über die Engelserscheinungen ist relativ wenig bekannt, da die Kinder auch Jahre später noch darüber schwiegen. Eben diese Tatsache verwendeten Kritiker von Fatima häufig als Hauptargument gegen die Echtheit dieser Erscheinungen, schreibt Fonseca.

Als wesentlichster Inhalt dieser Erscheinungen gilt die Betonung des Werts des Opfers, außerdem lehrte der Engel die Kinder zwei Gebete.

Bei Barthas ist über den Zweck und die Funktion dieser Engelserscheinungen folgendes zu lesen:

Wenn man das Geschehen von Fatimain seiner Ganzheit betrachtet, scheint es offensichtlich, daß diese Erscheinungen die kleinen Hirten von Aljustrel für ihre Aufgabe als Boten und "Retter" ihres Vaterlandes vorbereiten sollten, indem sie ihre Gedanken schon auf die großen Bedürfnisse der Kirche und der Seelen hinlenkten. Sie sollten von nun an die schmerzliche Sorge der Mutter der Barmherzigkeit verstehen und teilen lernen.

Nach außen hin blieben die drei Hirtenkinder dieselben, doch wurden sie gleichzeitig von innen heraus verändert und bereiteten sich so im Stillen auf ihre große Sendung vor.

An dieser Stelle ist es wohl nötig, etwas näher auf den Begriff "Erscheinung" einzugehen. Bei Hierzenberger und Nedomansky ist dazu folgendes zu lesen:

Unter Erscheinungen versteht man das Sichtbar-, Hörbar- und Greifbarwerden von natürlicherweise unsichtbaren, unhörbaren und ungreifbaren Wesenheiten, Dimensionen, Ereignissen oder Zuständen. Dies vollzieht sich auf übernatürliche bzw. in einer "anderen", außerhalb des irdisch Erklärbaren liegenden Art und Weise, die auf das Einwirken himmlischer Kräfte schließen läßt.

Courth ergänzt diese Definition und geht dabei näher auf Marienerscheinungen ein, indem er schreibt:

Marienerscheinungen sind Ausdruck der zur lebendigen Geschichte gehörenden charismatisch-mystischen Begabungen. Sie sind als bewußtseinsimmanentes Vorkommnis, als sogenannte einbildliche oder imaginative Vision und damit als mystisches Phänomen zu bestimmen. ... Die Marienerscheinungen sind nach kirchlicher Lehre den Privatoffenbarungen zuzuordnen ... [und] zielen nicht auf eine Erweiterung der Glaubenslehre, sondern auf das praktische Verhalten der Gläubigen; sie sind ein prophetischer Impuls für Herz und Willen, das überkommene Offenbarungsgut mit neuer Kraft auf die spezifische Zeitsituation hin zu konkretisieren.

 

 

 

6.2 DIE MARIENERSCHEINUNGEN VON FATIMA 1917

 

6.2.1 Erste Erscheinung

Am 13. Mai 1917 trieben die drei Kinder ihre Schafherde wie gewöhnlich auf die Cova da Iria, ein Grundstück, das Lucias Familie gehörte. Durch einen ungewöhnlichen Blitz aufmerksam gemacht, sahen sie über einer kleinen Steineiche eine Frau von unbeschreiblicher Schönheit.

Die drei Kinder beschrieben die Erscheinung später als etwas 18jährige Frau, die mit einem reinweißen Kleid bekleidet war, das bis zu den Füßen reichte, ein mit Gold umsäumter Mantel bedeckte Kopf und den größten Teil des Körpers, in den vor der Brust gefalteten Händen hielt sie einen Rosenkranz mit weißen Perlen und einem Goldkreuz. Außerdem betonten sie, daß die "Dame", wie die Kinder sie später nannten, keinem der Bilder geglichen hatte, die sie von der Gottesmutter oder irgendeiner Heiligen kannten.

Laut den Angaben der drei Kinder trug sie ihnen in dieser ersten Erscheinung auf, in den fünf darauf folgenden Monaten jeweils am selben Tag und zur selben Stunde an diesen Ort zurückzukommen, und sie versprach allen dreien, daß sie nach ihrem Tod in den Himmel kommen würden. Über ihre Person und ihre Herkunft sagte sie nur aus, daß sie vom Himmel komme - alles weitere würden sie im Oktober erfahren.

 

Danach "entfernte sich die Dame und entschwebte gegen Osten, "ohne die Füße zu bewegen"", auch bei den folgenden Erscheinungen verschwand sie auf dieselbe Weise.

 

 

6.2.2 Zweite Erscheinung

Im Monat darauf, am 13. Juni, wurden die Kinder bereits von zahlreichen Schaulustigen auf ihrem Weg in die Cova da Iria begleitet.

Die Gottesmutter sagte Francisco und Jacinta ihren nahen Tod voraus - was als erstes Geheimnis von Fátima bekannt geworden ist - zu Lucia aber sagte sie, sie müsse noch länger auf Erden bleiben, denn "Jesus will sich deiner bedienen, damit ich bekannt gemacht und geliebt werde".

Alle Anwesenden hörten die Worte, die Lucia während der Erscheinung sprach, von der Gottesmutter selbst sahen und hörten sie nichts. Was sie aber beobachten konnten, war, daß sich die Zweige der Steineiche während dieser Zeit bewegten und senkten, als würde sie etwas nach unten drücken.

 

 

6.2.3 Dritte Erscheinung

Bei dieser dritten Erscheinung am 13. Juli 1917 - übrigens die bedeutendste der sechs Erscheinungen - erhielten die drei Seherkinder unter anderem eine Botschaft mitgeteilt, die als "zweites und drittes Geheimnis von Fatima" bekannt geworden ist.

Das "zweite Geheimnis von Fatima" wurde von einer Höllenvision eingeleitet, Lucia selbst beschrieb sie später in etwa so: Ein Strahlenbündel, das von den Händen der Gottesmutter ausging, drang in die Erde ein, und an der betreffenden Stelle sahen die Kinder so etwas wie ein Feuermeer, in dem viele verbrannte Wesen, wie glühende Kohlen leuchtend, schwammen und entsetzliche Klagelaute ausstießen.

 

Nach dieser Vision verkündete Maria das Geheimnis:

Ihr habt die Hölle gesehen, wohin die Seelen der armen Sünder kommen werden. Um sie zu retten, will der Herr in der Welt die Andacht zu meinem unbefleckten Herzen begründen. Wenn man tut, was ich euch sagen werde, werden viele Seelen gerettet werden, und es wird Friede sein. Der Krieg geht zu Ende. Wenn sie aber nicht aufhören, den Herrn zu beleidigen, wird unter dem Pontifikat Pius´ XI. ein anderer, schlimmerer Krieg beginnen. Wenn ihr eine Nacht von unbekanntem Licht erhellt seht, wißt ihr, daß dies das große Zeichen ist, das Gott euch gibt, daß die Bestrafung der Welt für ihre vielen Vergehen durch den Krieg, den Hunger und die Verfolgungen gegen die Kirche und gegen den Heiligen Vater bevorsteht. Um dies zu verhindern, werde ich kommen, um die Weihe Rußlands an mein unbeflecktes Herz und die Sühnekommunion an den ersten Samstagen des Monats zu erbitten. Wenn man auf meine Bitte hört, wird Rußland sich bekehren, und man wird Frieden haben. Sonst wird es seine Irrtümer in der Welt verbreiten und Kriege und Verfolgungen der Kirche entfachen. ... verschiedene Nationen werden vernichtet werden. Am Ende wird mein unbeflecktes Herz triumphieren. Der Heilige Vater wird mir Rußland weihen. Es wird sich bekehren, und der Welt wird eine Zeit des Friedens gewährt werden. Portugal wird immer an der Lehre des Glaubens festhalten.

Was Marias Prophezeiung, unter dem Pontifikat Pius" XI. werde ein noch schlimmerer Krieg beginnen, angeht, müssen wohl noch einige Ergänzungen hinzugefügt werden:

An dieser Stelle wurde von Skeptikern und Gegnern der Erscheinungen immer wieder eingehakt, da der Zweite Weltkrieg offiziell am 1. September 1939 begann, Papst Pius XI. war aber bereits fast 7 Monate davor, nämlich am 10. Februar 1939, verstorben.

Allerdings begann unter Papst Pius XI. der Spanische Bürgerkrieg (1936/39), der zu einem Vorspiel des Zweiten Weltkrieges wurde.

Lucia aber erklärte in einem Interview im Jahre 1946, daß ihrer Meinung nach die Gottesmutter bei diesem Geheimnis den Anschluß Österreichs an Deutschland und das Münchner Abkommen als den entscheidenden Anlaß gemeint habe.

Lucia war auch völlig davon überzeugt, daß es sich bei dem geheimnisvollen Licht, das den Himmel in der Nacht vom 25. zum 26. Januar 1938 zwischen 20 und 23 Uhr erhellte und in ganz Europa beobachtet werden konnte, nur um das angekündigte große Zeichen Gottes handeln konnte. Von Astronomen und Tageszeitungen hingegen war es als eine ungewöhnliche Nordlichterscheinung bezeichnet worden.

 

In einer innerlichen Mitteilung versprach Gott Lucia

den besonderen Schutz des Unbefleckten Herzens Mariens für Portugal in Hinblick auf die Weihe, welche der [portugiesische, A.d.V.] Episkopat mit dem Volk an das Unbefleckte Herz vorgenommen hat ..., aber weil auch Portugal in die Schuld verstrickt ist, muß es einige Folgen des Krieges erleiden, der enden wird, wenn die Zahl und das Blut der Märtyrer seine Gerechtigkeit versöhnt haben wird.

Direkt im Anschluß an das zweite Geheimnis verkündete die Gottesmutter Lucia auch das "dritte Geheimnis", das diese im Jahre 1943 niederschrieb, dem Papst übersandte und das noch heute unveröffentlicht in den vatikanischen Archiven aufbewahrt wird, - Radasewsky spricht von einer Aufbewahrung im "Giftschrank" des Papstes - obwohl Maria nur die Bedingung gestellt hatte, es nicht vor dem Jahre 1960 der Öffentlichkeit preiszugeben.

Gerade dieser Aspekt verleitete häufig zu Spekulationen, so kann man in den Werken verschiedener Autoren völlig unterschiedliche Fassungen lesen:

Schmertzing schreibt z.B., daß über dieses dritte Geheimnis nichts bekannt sei außer zwei Andeutungen:

Die erste ist der Schlußsatz einer vatikanischen Presseaussendung vom 8. Februar 1960, der folgendermaßen lautet:

Obwohl die Kirche die Erscheinungen von Fátima anerkennt, so wünscht sie doch nicht die Verantwortung zu übernehmen und die Wahrhaftigkeit der Worte zu verbürgen, von denen die drei Hirtenkinder behauptet haben, daß die Jungfrau sie an sie gerichtet hat.

Als zweite Andeutung wird ein Ausschnitt aus einem Interview angegeben, in dem Kardinal Ratzinger im Jahre 1984 zu einem Journalisten sagte:

Wenn man es - zumindest vorläufig - nicht publik macht, dann um zu verhindern, daß die religiöse Prophetie mit Sensationsmacherei verwechselt wird.

In einer anderen Quelle ist zu lesen, daß der Inhalt dieses dritten Geheimnisses - eventuell sogar sein Wortlaut - trotz allem bekannt geworden sei, als der Inhalt den bei der "Kubakrise" engagierten Staatsoberhäuptern von Diplomaten des Vatikans zugespielt worden sei. Hierzenberger und

 

Nedomansky nehmen außerdem an, daß "diese "diplomatische Fassung" ... auch beim Zustandekommen des Atomstoppabkommens vom August 1963 eine gewisse Rolle" gespielt hat.

Im Jahre 1988 wurde auch noch eine dritte Fassung veröffentlicht, die etwas ausführlicher als die "diplomatische Fassung" ist, sich aber in den wesentlichen Aussagen wortwörtlich deckt:

Kind, ich habe dich auserkoren zu dieser Mitteilung, die ich dir geben werde. Gehe hin und veröffentliche sie der ganzen Welt, der ganzen Menschheit! ...

Über die ganze Menschheit wird eine große Züchtigung kommen; nicht heute und nicht morgen, jedoch vor dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. ... Die Menschheit hat sich nicht so entwickelt, wie Gott, unser himmlische Vater, es von ihr erwartet. ...

Nirgends auf Erden ist mehr Ordnung; überall, selbst von den höchsten Spitzen der Regierungen und Kirchen, wird Satan Besitz nehmen. ...

Er wird nicht haltmachen, die Gehirne der Wissenschaftler so zu verwirren, daß sie mächtige Waffen erfinden, die in wenigen Minuten Millionen und Abermillionen von Menschen, ja die Hälfte der Menschheit, töten können. Er wird nicht haltmachen vor den Mächtigen dieser Erde und sie aufstacheln, daß sie diese Waffen in Massen erzeugen, damit er seine Macht gebrauchen kann, um die Menschheit zu vernichten.

Wehe aber, wenn die Mächtigen dieser Erde und die Spitzen der Kirchen diesem Treiben nicht Einhalt gebieten! Dann werde ich den mächtigen Arm meines Sohnes Jesus, des Christus, fallen lassen. ...

Überall auf Erden regiert Satan. Es wird unter den Kirchenführern zu gegenseitigen Kämpfen kommen, denn Satan tritt in ihre Reihen. In Rom wird es zu gewaltigen Veränderungen kommen, ... denn die Lehren der Kirchen sind verdunkelt.

Über die gesamte Menschheit und über die ganze Erde wird furchtbare Bedrängnis kommen. Feuer und Rauch werden vom Himmel fallen, und alles wird verdunkelt sein. Die Wasser der Ozeane werden verdampfen, und es wird eine so hohe Temperatur herrschen, daß die Gischt zum Himmel strahlt.

Alles, was noch aufrecht steht, soll niedergerissen werden, und von einer Stunde zur anderen werden Millionen und Abermillionen Menschen sterben. ...

Aber all die, die im irdischen Leben überleben, werden dann nach Gott rufen, und es wird so sein, daß Gott sie segnet und einen anderen Zustand herbeiführt. Dieser Zustand wird so sein wie jener auf Erden, als die Menschheit und die Welt noch nicht verdorben waren.

Ich rufe alle Nachfolger meines Sohnes Jesus, des Christus, auf sowie alle Christen, die es ernst meinen: Schart euch um Christus! Er ist der einzige Garant, der euch diese Zeit im Geiste überleben läßt!

Die Zeit der Zeiten kommt immer näher, und das Ende aller Enden kommt immer näher. ...

Geh hin, mein Kind, und sage es denen, die die Macht haben, es der ganzen Menschheit zu sagen!

 

 

Sehr kritisch und skeptisch ist demgegenüber die Meinung Nidiayes, der "die angeblichen Schreckensbotschaften" folgendermaßen zusammenfaßt:

Im ersten Teil dieser Visionen soll die Muttergottes den Kindern ein schreckliches Bild der Hölle gezeigt haben. Im zweiten Teil kündigte sie den Zweiten Weltkrieg an, als göttliches Strafgericht unter anderem für die Unterdrückung der Kirche in Rußland. Die Menschen sollten beten und Buße tun, um die Katastrophe zu verhindern. Gleichzeitig bestand die Madonna aber darauf, diese Botschaft erst zu veröffentlichen, als es für Warnungen zu spät war - also 1941.

Das Ganze klingt völlig unglaubwürdig. ...

Über den dritten Teil der angeblichen Botschaft bewahrte Lucia weisungsgemäß Stillschweigen.

Gleich anschließend wird die Annahme ausgesprochen, daß die Öffentlichkeit deshalb nicht in Kenntnis davon gesetzt worden sei, weil der dritte Teil ebenso unglaubwürdig sei wie die restliche Verkündigung.

 

 

6.2.4 Vierte und fünfte Erscheinung

Die vierte Erscheinung fand nicht am selben Ort, also in der Cova da Iria, und auch nicht am selben Tag wie die drei vorangegangenen Erscheinungen statt.

Am Morgen des 13. August 1917 entführte der Kreisvorsteher von Vila Nova de Ourém die drei Seherkinder, um aus ihnen mit allen Mitteln, auch mit Gewalt, die Geheimnisse herauszupressen. Erst drei Tage später wurden sie nach erfolglosen Bemühungen wieder freigelassen. - Die Erscheinung fand dann am 19. August in den "Valichos", einem Stück Weideland unweit der Cova da Iria statt.

Mit der Verhaftung der Kinder im August erreichten die portugiesischen Behörden genau den gegenteiligen Effekt, den sie erzielen hatten wollen: In ganz Portugal war die Empörung über diese Vorgangsweise sehr groß und die Erscheinungen dadurch schnell in aller Munde, das unbekannte Dorf Fatima wurde quasi über Nacht bis in die entferntesten Winkel Portugals bekannt.

 

 

Schmertzing geht sogar so weit zu behaupten, daß von diesem Zeitpunkt an nur mehr wenige an der Glaubwürdigkeit der Kinder zweifelten.

Als die Gottesmutter am 13. September wieder in der Cova da Iria erschien, waren die Seherkinder von etwa 20 000 Menschen umgeben.

Ein Anwesender beschrieb die Erscheinung später so:

Zu meiner großen Überraschung sah ich deutlich eine Lichtkugel, die langsam und majestätisch gegen Osten schwebte. ... Die Atmosphäre nahm eine gelbliche Färbung an, eine weiße Wolke, die auf eine gewisse Entfernung sichtbar war, umgab die Steineiche und die Seher. Vom Himmel fielen seltsame weiße Flocken, kleinen Blümchen oder Schneeflocken ähnlich, die wenige Meter über dem Erdboden verschwanden.

Wegener ergänzt außerdem, daß sich dieses Zeichen auch später an Wallfahrtstagen wiederholte und von Tausenden wahrgenommen wurde, weshalb eine Sinnestäuschung ausgeschlossen werden kann.

In dieser fünften Erscheinung wies die Gottesmutter noch einmal auf das große Wunder hin, das sie am 13. des kommenden Monats wirken werde, "damit alle glauben, daß sie wirklich erschienen ist".

 

 

6.2.5 Sechste Erscheinung und das Sonnenwunder

Die sechste und zugleich letzte Marienerscheinung in der Cova da Iria fand am 13. Oktober 1917 statt. Rund 70 000 Menschen waren trotz des strömenden Regens gekommen, um das Wunder, das sogar von den die wichtigen Tageszeitungen Portugals angekündigt worden war, mitzuerleben.

Auf Lucias Frage, wer die Erscheinung sei und was sie wolle, erhielt sie die Antwort:

Ich bin Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz. Ich will, daß man hier zu meiner Ehre eine Kapelle baut. Man bete weiterhin täglich den Rosenkranz. Der Krieg ist dabei, zu Ende zu gehen, und die Soldaten werden bald heimkehren (...) Man beleidige unseren Herrn nicht mehr, der bereits zu sehr beleidigt worden ist.

 

In diesem Moment erblickten die drei Kinder neben der Sonne die Heilige Familie, Lucia sah dann Maria auch noch als Schmerzensmutter und als Maria vom Berge Karmel.

Zur selben Zeit, während die Kinder die Erscheinung der Heiligen Familie hatten, erlebte die Menschenmenge das angekündigte Wunder:

Der Regen hörte plötzlich auf ... und die Sonnenscheibe wurde sichtbar; doch sie war silbern wie der Mond. Mit einem Male begann die Sonne mit ungeheurer Geschwindigkeit wie ein Feuerrad um sich selbst zu kreisen, gelbe, grüne, rote, blaue und violette Strahlenbündel werfend, die Wolken, Bäume, Felsen, Erde und die ungeheure Menge in phantastische Farben tauchten. Einen Augenblick hielt sie an, dann begann der Tanz der Feuerscheibe von neuem. ... Plötzlich hatten alle den Eindruck, als löse sich die Sonne vom Firmament und eile auf sie zu.

Barthas spricht in diesem Zusammenhang von "Zickzacksprüngen".

Dieses Sonnenwunder dauerte ca. zehn Minuten und wurde sowohl von den Anwesenden als auch von Personen, die sich im Umkreis von bis zu 40 Kilometern von der Erscheinungsstelle befanden, wahrgenommen.

Wissenschafter fanden keine natürliche Erklärung für dieses Phänomen, auch wurde es von keiner Sternwarte registriert. Laut Wegener kann es aber nicht einfach als Halluzination abgetan werden, weil Tag und Stunde von den Kindern genau vorausgesagt worden waren und die Erscheinung von über 70 000 Menschen gleichzeitig gesehen worden war.

Diese sechste Marienerscheinung war zwar die letzte im Jahre 1917, die Seherkinder erhielten jedoch noch mehrere persönliche Offenbarungen von Maria und später auch von Jesus.

 

Bereits 1922 wurde der kanonische Prozeß eröffnet, wobei die Prüfung der Geschehnisse einer siebenköpfigen Kommission übertragen wurde.

Am 13. Oktober 1930 - genau 13 Jahre nach der letzten Marienerscheinung von Fatima - erschien ein Hirtenbrief, der "die Erscheinungen in der Cova da Iria vom 13. Mai bis zum Oktober 1917 als glaubwürdig erklärte und die öffentliche Verehrung Unserer Lieben Frau von Fàtima gestattete".

Die Erscheinungen von Fatima wurden auf viele verschiedene Arten betrachtet und bewertet. Im gleichen Maße, wie die einen sie ablehnten und als Schwindel zu entlarven suchten, nahmen die anderen sie ohne jeden Zweifel als "Botschaft des Himmels" an.

Hier soll noch auf drei etwas "andere" Betrachtungsweisen hingewiesen werden:

  1. Von einigen Forschern und Autoren erfährt das Fatima-Phänomen eine ufologische Deutung. Als Grund dafür gibt Nidiaye an, daß vor allem die rotierende Sonne, aber auch die große Menschenmenge, die das Phänomen beobachten konnte, - angeblich - an moderne Ufo-Sichtungen erinnere.
  1. Radasewsky beschreibt das Phänomen Fatima folgendermaßen:

    Zu Abertausenden drängen sich die Menschen, gläubig und geduldig harren sie still eines Wunders. Sie warten vielleicht auf so eines, wie es in der Nacht vom 13. Mai 1917 geschah und sich dann alle vier Wochen bis zum 13. Oktober 1917 wiederholt haben soll. Drei analphabetische Hirtenkinder (Luzía und die Geschwister Jacinto und Francisco Marto) sahen ein Feuerrad. Dieses, nennen wir es blasphemisch Fogo preso (das typisch portugiesische Feuerwerk in Form einer fest installieren figürlichen Darstellung), wurde zur Präsentation einer Virgem do Rosário verklärt (Jungfrau vom Rosenkranz), die sich sogar als 17jähriger Teenager entpuppte und wohl in einer Zeitmaschine gehockt haben muß.

  1. Bei Nidiaye ist eine sehr matriarchale und esoterische Betrachtung des "Phänomens als solches" zu finden:

    In Portugal übrigens hat die ländliche Bevölkerung nie ganz aufgehört, die "heidnische" Göttin, die sie mit dem Mond assoziiert, zu verehren. (Der Mond war das Ursymbol der großen Göttin.) Im übrigen Europa konnte sie zumindest bis ins Mittelalter hinein im Untergrund "überleben". Heute spielt die christianisierte Große Mutter in Gestalt der Jungfrau Maria in der religiösen Praxis der Portugiesen eine führende Rolle. Zweihundertsechzehn Wallfahrten gibt es im Lande, davon gelten neunundneunzig der Maria.

    Einige Seiten später fügt er hinzu:

Fátima ist eine Erscheinung der Großen Göttin, des Urgrunds der Schöpfung, jenes Urgrunds, den die Menschen als weiblich bezeichnen. Dies gilt für den Platz Fátima, für die mythische Gestalt der Fatima ebenso wie für die Erscheinung, die dort stattgefunden hat. Auf welch technischem Weg sie zustande kam, ist im Augenblick nicht zu erkennen; zu erkennen ist nur die geistige göttlich-weibliche Wirklichkeit, die dahintersteht.

 

 


 

7. DIE BOTSCHAFT VON FATIMA

Im Marienlexikon ist dazu folgendes zu lesen:

Die Botschaft von Fatima ist ein dringender Appell an das Gebet, vor allem des betrachtenden Rosenkranzes, und die Übung der Sühnekommunion. Sie ist ein eindringlicher und beeindruckender Aufruf zur Buße und zur Bekehrung des Herzens, wie es aus dem Geist und den wohlbekannten Sühneübungen widerscheint. Sie enthält vor allem eine Neubetonung der Fürsprache-Funktion des Herzens der Jungfrau. Das Thema des Herzens Mariä erscheint im Zentrum einer thematischen Komposition, die den eschatologischen Sinn der Botschaft für unsere Zeit ausmacht: mit einer charismatischen Vision der Bekehrung Rußlands und des Triumphes des Herzens Mariä am Ende.

Schäfer betont vor allem den Unterschied zu Lourdes:

Anders als in Lourdes, wo die Menschen aus allen Ländern mit ihren privaten Sorgen, Nöten und Krankheiten zu Maria kommen, sind hier in Fatima die Welt, vor allem Europa, seine Völker und Staaten aufgerufen umzukehren, Buße zu tun, den Rosenkranz zu beten und Gott die Ehre zu geben.

Als besonders wichtiger Punkt wurde bei den Erscheinungen 1917 die Marienverehrung immer wieder hervorgehoben.

De Fiores schreibt dazu:

Die Andacht zum Herzen Mariä ... war sicherlich nicht neu in der Kirche. Dennoch machte die Botschaft von Fatima sie interessant und gab ihr unter zwei Aspekten Leben, das sie vorher nicht hatte: hinsichtlich des eschatologischen Charakters des Herz-Mariä-Geheimnisses für die Kirche und für die Welt, sowie hinsichtlich der Sühne- und Weiheübungen, die sie hervorrief und dabei überall einen bisher nie gesehenen Enthusiasmus ... weckte.

Um den Menschen bei der Verehrung eine gewisse Hilfestellung zu geben,

werden vor allem drei Formen der Herz-Mariä-Verehrung genannt und betont, und zwar die Weihe an das mütterliche und unbefleckte Herz, die Übung der Sühnesamstage und das Beten des Rosenkranzes.

 

In der Folge soll auf diese drei Formen der Verehrung näher eingegangen werden:

 

 

 

7.1. Die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariä

Bei zwei Erscheinungen (bei der dritten Erscheinung 1917 in Fatima und zwölf Jahre später, 1929, im Kloster der Dorothäerinnen zu Tuy) verlangte die Gottesmutter ausdrücklich die Weihe Rußlands an ihr Unbeflecktes Herz, doch obwohl Lucia diesen Auftrag sofort weiterleitete, vollzog Papst Pius XII. erst am 8. Dezember 1942 eine feierliche Weltweihe an das Unbefleckte Herz Mariä.

Schäfer spricht von einer Weltweihe am 31. Oktober 1942.

Diese Weltweihe wurde von Papst Johannes Paul II. 1982 in Fatima und 1984 in Rom wiederholt, doch auch bei diesen beiden Malen erschien der Name Rußlands nicht im gedruckten Text des Weihegebetes, sondern nur die diplomatische Formel: "Vor allem überantworten und weihen wir Dir jene Menschen und Völker, die dieser Überantwortung und Weihe besonders bedürfen."

Über das Datum der Weihe Rußlands herrscht Uneinigkeit unter den Autoren:

So schreibt Fonseca, daß der Heilige Vater Rußland bereits am 7. Juli 1952 dem Herzen Mariens geweiht habe - der vom Heiligen Vater vollzogene Akt müsse aber durch die Weihe der kirchlichen und bürgerlichen Gemeinschaften, der Diözesen, Pfarreien, Familien und der Einzelpersonen an das Unbefleckte Herz Marias ergänzt werden.

Bei Schäfer ist allerdings zu lesen, daß Erzbischof Lefèbvre die Weihe Rußlands an das Unbefleckte Herz Mariä, die Maria im Juni 1929 verlangt und alle Päpste bis dahin versäumt hatten, erst am 22. August 1987 vollzog mit den Worten:

Zu Füßen Deines Gnadenthrones niedergeworfen, o Königin des heiligen Rosenkranzes, wollen wir, soweit es an uns liegt, die Forderungen erfüllen, die Du gestellt hast, als Du vor 70 Jahren uns auf dieser Erde erschienen bist.

Leider hat man noch nicht auf Deine Botschaft gehört. Deswegen wollen wir dem glücklichen Tag vorauseilen, an dem der oberste Hirte auf die Forderungen Deines göttlichen Sohnes eingehen wird. Dabei wollen wir uns keine Autorität zuschreiben, die wir nicht besitzen. Vielmehr wollen wir als katholischer Bischof, der von der Sorge um das Schicksal der ganzen Kirche durchdrungen ist, im Verein mit allen treuen Priestern und Gläubigen für unseren Teil auf die Forderungen des Himmels antworten.

Nimm, o Mutter Gottes, an erster Stelle die feierliche Genugtuung auf, die wir Deinem Makellosen Herzen für alle Beleidigungen darbringen, womit es zusammen mit dem Herzen Jesu von den Sündern und Gottlosen überhäuft wird.

An zweiter Stelle schenken, übergeben und weihen wir, soweit es in unserer Macht steht, Rußland Deinem Makellosen Herzen: Wir flehen Dich an, in Deiner mütterlichen Barmherzigkeit diese Nation unter Deinen mächtigen Schutz zu nehmen und sie zu Deinem Reich zu machen, wo Du als Königin herrschest. Mache aus diesem Land der Verfolgungen ein Land der Auserwählten und des Segens! Wir bitten Dich inständig, Dir diese Nation vollständig zu unterwerfen, damit sie - bekehrt von ihrer staatlichen Gottlosigkeit - ein neues Königreich für Unseren Herrn Jesus Christus werde, ein neues Erbe für Dein sanftes Szepter!

Zu diesem Zeitpunkt waren in Rußland die Marienerscheinungen von Fatima noch völlig unbekannt, erst am 13. Oktober 1991 erfuhr ganz Rußland in einer dreiviertelstündigen Fernsehübertragung aus Fatima, was dort im 1917 geschehen und über Rußland gesagt worden war.

Neben Rußland wurden aber auch noch andere Länder dem Unbefleckten Herzen Mariä geweiht. Anläßlich der Weihe Deutschlands im Jahre 1954 behandelte Weihbischof Guggenberger von Regensburg in seiner Predigt die Frage, warum man sich Maria überhaupt weihen sollte.

Diese schloß mit den Worten:

Zusammenfassend könnte ich sagen: Sich Maria weihen heißt: die Gemeinschaft mit Maria suchen und ihr in dieser Gemeinschaft die Führung überlassen: wie sie auf Gott hören; mit ihr Gott dienen; mit ihr und durch sie die Hilfe Gottes erbitten; durch sie die eigene Hingabe Christus darbringen.

 

 

7.2. Die Herz-Mariä-Sühnesamstage

Schwester Lucia erhielt den Auftrag für die Übungen der Sühnesamstage am 10. Dezember 1925 in Pontevedra mit folgenden "Gnadenverheißungen: jenen, die die Übung der ersten fünf Samstage durchführen, versprach das Unbefleckte Herz Marias große Gnaden und insbesonders in der Todesstunde die für das ewige Heil notwendigen Gnaden".

 

Diese Übung besteht darin, daß man an den fünf ersten Samstagen von fünf aufeinanderfolgenden Monaten:

Maria verlangt also nicht nur das Sprechen eines Weihegebetes, sondern auch eine Änderung des Lebens.

 

 

7.3. Das Rosenkranzgebet

Wie bereits erwähnt, liegt der Schwerpunkt der Botschaft von Fatima vor allem auf zwei Forderungen: Buße und Gebet. Besonderen Wert legt die Gottesmutter dabei auf das Beten des Rosenkranzes, zu dem sie bei allen sechs Erscheinungen 1917 aufrief.

Das Rosenkranzgebet existiert aber nicht erst seit den Marienerscheinungen in Fatima, sondern ist seit fast tausend Jahren fest im Leben der Kirche verankert und wurde wegen seiner Schlichtheit eines der volkstümlichen Gebete, wie Wegener schreibt.

In Fatima erhielt nun der Rosenkranz durch Maria einen kurzen, aber wichtigen Einschub; sie forderte die Kinder auf, nach jedem Gesetz hinzuzufügen:

O JESUS, VERZEIHE UNS UNSERE SÜNDEN, BEWAHRE UNS VOR DEM FEUER DER HÖLLE, NIMM ALLE SEELEN IN DEN HIMMEL AUF, BESONDERS JENE, DIE DEINER BARMHERZIGKEIT AM MEISTEN BEDÜRFEN.

Wegener beschreibt diesen Zusatz als "persönliche Botschaft Marias", außerdem aber auch als "Lebensprogramm, das bei näherer Betrachtung eine Tiefenwirkung bei jedem und eine Breitenwirkung auf alle ausstrahlt".

 

Obwohl die Botschaft von Fatima in den Grundzügen mit den Botschaften der anderen modernen Marienerscheinungen übereinstimmt, in der Tradition der Kirche steht und vom trinitarischen Gehalt bis zur Lehre von den letzten Dingen die gesamte traditionelle katholische Glaubenslehre durchläuft, nimmt sie dennoch für sich eine starke Originalität in Anspruch:

Sie atmet eine große doktrinäre Weite, dogmatische Integrität und ist geprägt durch den starken Aufruf zu einem authentischen christlichen Leben. All das läßt sie lebendiges Evangelium und volkstümlicher Katechismus von enormer Wirkung sein. ... Sie enthält keine esoterischen oder überspannten Lehrmeinungen noch schlägt sie schreckliche apokalyptische Themen an. Es handelt sich um eine vollkommen rechtgläubige Botschaft, wobei sie wohl den weiten Bogen aller katholischen Glaubens- und Sittenwahrheiten umspannt.

Außerdem erwähnen Hierzenberger und Nedomansky, daß bei den Marienerscheinungen von Fatima im Jahre 1917 zum ersten Mal "Botschaften" im heutigen Sinn vorkamen - bis dahin hatte es sich nur um "ganz tiefe Offenbarungen himmlischer Verhältnisse, "Gefühle", "Anliegen" und "Absichten"" gehandelt.

Auch die Erscheinungen von Fatima blieben nicht ohne Kritik bzw. ohne Gegner. Wie im Marienlexikon zu lesen ist, erfuhr Fatima während

der nachkonziliaren mariologischen Krise ... den Zusammenstoß mit dem Progressismus aufgrund der eigenen Rechtgläubigkeit und einiger traditioneller Übungen, die es förderte. Der Grundvorwurf war der eines integralistischen Traditionalismus, ein Vorwurf, der nicht standhält, weil Fatima zwar traditionell orientiert ist, sich aber nicht jeder Anpassung an neue Zeiten entzieht.

 

 


 

8. DER POLITISCHE KONTEXT DER ERSCHEINUNGEN

 

8.1 PORTUGAL

 

8.1.1 Die politische Situation Portugals um 1917

Portugal ist ein Land mit einer großen Vergangenheit: Über Jahrhunderte hinweg stand es im Zentrum des Lebens in Europa - man denke nur an die Bedeutung des portugiesischen Kolonialreiches, an die große Seefahrtsschule, in der ein neuer Schiffstypus, die Karavelle, entwickelt wurde, oder an die großen Seefahrer wie Bartholomäus Diaz oder Vasco da Gama, die von Portugal aus ihre Entdeckerfahrten starteten, bzw. an Magellan, der von hier 1519 die erste Weltumsegelung unternahm - doch diese Blüte wurde 1588 mit der Niederlage der spanisch-portugiesischen Armada jäh beendet. Von diesem Zeitpunkt an konnte sich das Land nicht mehr so recht erholen, es wurde langsam vom strahlenden "Garten Europas", vom westlichen "Land des Lächelns" zu einem wenig beachteten Land am Südwestende Europas.

So, wie Portugal seine Weltbedeutung in der Folge auf die Niederlage am Ende des 16. Jahrhunderts verloren hatte, ging auch die innenpolitische Stabilität im Laufe der Zeit völlig verloren.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war in Portugal eine liberale Bewegung des Bürgertums entstanden, und auch eine politische Strömung der Arbeiterbewegung, deren stärkste Fraktion eine links-radikale Linie verfolgte, hatte stark an Bedeutung zugenommen. Diese beiden Strömungen konnten jedoch auf die feudalen Machtstrukturen, die die politische und sozioökonomische Lage in Portugal zu Beginn des 20. Jahrhunderts kennzeichneten, nur geringen Einfluß nehmen.

Wirtschaftlich war die ehemals reiche Kolonialmacht Portugal auf das Niveau eines unterentwickelten, vom Ausland abhängigen Staates gesunken.

Für diese Entwicklung waren mehrere Faktoren ausschlaggebend; es würde aber zu weit führen, hier darauf einzugehen, da die Gründe teilweise in der Geschichte schon sehr weit zurückliegen oder aber in die portugiesische Geschichte so fest eingebettet, daß es fast unmöglich wäre, sie ohne zugehörigen Kontext ausreichend verständlich zu machen.

Die ökonomische Struktur wurde von feudalen und vorindustriellen Produktionsweisen bestimmt, die in- und ausländische Verschuldung stieg enorm, sodaß das Defizit bald die Höhe des gesamten Staatshaushaltes erreichte. Schließlich verzeichnete Portugal 1891 seinen dritten Staatsbankrott (nach 1822 und 1842) und war somit auf die finanzielle und wirtschaftliche Unterstützung des Auslands angewiesen, wobei diese besonders von England gewährt wurde.

Da die Stellung der Monarchie immer unsicherer wurde, errichtete Ministerpräsident J. F. Pinto Franco (1906 - 1908) im Jahre 1907 zur Stützung der Krone eine Diktatur.

Ein Jahr später, am 1. Februar 1908, fielen König Karl I. und Kronprinz Ludwig Philipp einem Attentat zum Opfer. Nachfolger auf dem Thron wurde Emanuel II. (1908 - 1910), der aber nach zweijähriger Regierungszeit am 4. Oktober 1910 durch eine Revolution, die in Lissabon ausgebrochen war, gestürzt wurde.

Bereits einen Tag danach, am 5. Oktober 1910, wurde in Portugal die erste parlamentarische Republik auf europäischem Boden proklamiert, Teófilo Braga bildete die erste Regierung der Republik.

Diese neue Republik war stark antiklerikalistisch eingestellt und erließ am 20. April 1911 ein Gesetz über die "Trennung von Staat und Kirche".

Ministerpräsident Alfonso da Costa sprach in diesem Gesetz aus, welche Ziele die neuen freimaurerischen Machthaber verfolgten: "Mit diesem Gesetz wird der Katholizismus, der die Hauptursache des jetzigen Zustandes ist, innerhalb zweier Generationen vollständig erledigt sein."

 

 

Als Folge dieses Gesetzes wurden die Beziehungen zum Vatikan abgebrochen, der Großteil der Kirchengüter beschlagnahmt und die meisten Kirchen geschlossen oder zu profanen Zwecken entweiht. Gleichzeitig wurde auch alles Katholische und Religiöse unterdrückt, der Religionsunterricht abgeschafft und Ordensleute teilweise des Landes verwiesen, sodaß es zu einem starken Priestermangel kam - im "heidnischen" Süden entfiel z.B. auf 4800 Katholiken nur ein Priester.

Radasewsky fügt noch folgendes hinzu:

Die armen Portugiesen, traditionell gottesfürchtig und bezüglich der (fehlenden) Bildungseinrichtungen stets für dumm verkauft, konnten die beabsichtigte Wende in der Hauptstadt Lissabon zum modernen, demokratisch-pluralistischen Parlamentarismus kaum nachvollziehen oder kritisch würdigen.

 

Doch auch die Republik verhalf Portugal nicht zu stabileren politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen - ganz im Gegenteil: Sänger referiert die Meinung, daß vor allem die gesellschaftlichen Machtgruppierungen ein großes Konfliktpotential bargen und sowohl mit legalen, als auch illegalen Mitteln nach einer Vorherrschaft strebten, die allerdings nicht erreicht werden konnte.

Um die politische Instabilität noch stärker zu verdeutlichen, sollen hier einige Zahlen angeführt werden:

Von 1911 bis 1926 erlebte Portugal 8 Staatspräsidenten, 7 Parlamentswahlen, 45 Kabinettsumbildungen, 2 Diktaturen, außerdem 20 Revolutionen und Aufstände; 8 Regierungen und 4 Präsidenten wurden durch Morde oder andere bewaffnete Aktionen gestürzt und mehrere tausend Menschen kamen bei Konflikten ums Leben. Im ganzen Land herrschte "moralischer, politischer ... [und] wirtschaftlicher Niedergang", wie Wegener schreibt, Streiks, Skandale, Ausschreitungen und Revolten standen auf der Tagesordnung.

Schließlich wurde Portugal, das bis dahin neutral geblieben war, 1916 als Verbündeter Großbritanniens durch Ministerpräsident Alfonso da Costa in den Ersten Weltkrieg geführt.

Durch die extreme politische Instabilität im Land kam es zu einem Werteverfall der Parteien innerhalb der Bevölkerung, und nur das Militär, das gestärkt aus dem Ersten Weltkrieg hervorging, gewann an Einfluß. Die portugiesische Bevölkerung litt stark unter den Kriegsfolgen und "hielt" - metaphorisch ausgedrückt - "dem Klerus die Stange". Dieser Klerus, die "katholischen Strategen" wie Radasewsky sie bezeichnet, schanzte die Schuld an den Folgen der Kriegsmisere den Republikanern zu, und nützte sie so im Glaubenskrieg, der zwischen den Geistlichen und den Republikanern entbrannt war, - zumindest einigen zeitgenössischen Historikern zufolge.

Währenddessen teilten ausländische Mächte in Geheimverträgen portugiesischen Besitz unter sich auf; Spanien und Frankreich vereinbarten in einem Handelsvertrag ""ihre Rechte in Portugal zu achten", wenn die letzten Stunden des versinkenden Landes gekommen wären".

Papst Pius XII. charakterisierte diese politisch und wirtschaftlich instabilen Zeiten Portugals in einer Radioansprache im Jahre 1942 folgendermaßen in Bezug auf die Marienerscheinungen von Fatima:

In einer tragischen Stunde der Finsternis und der Verwirrung, da das portugiesische Staatsschiff abgeirrt war von dem Kurs seiner Traditionen und wie verloren im antichristlichen und antinationalen Wettersturm dem Schiffbruch entgegenzutreiben schien, da griff der Himmel helfend ein. Und aus der Finsternis strahlte das Licht auf, aus dem Chaos tauchte die Ordnung empor, aus dem Sturm ward Meeresstille, und Portugal konnte die zerrissenen Fäden seiner verlorenen schönsten Überlieferungen wieder anknüpfen... Ehre den verdienten Männern, die der Vorsehung Werkzeuge waren bei so großen Dingen! Doch die erste Ehrerweisung und Danksagung gebührt der seligsten Jungfrau, der Königin und Mutter des Marienlandes... Mit Recht müssen wir bekennen, daß die Gottesmutter euch mit wahrhaft außerordentlichen Gunsterweisen überhäuft hat.

 

 

8.1.2 Die Bedeutung Fatimas für Portugal

Die Bedeutung Fatimas wird meist mit einer Änderung in der politischen Struktur Portugals - zum positiven - in Verbindung gebracht.

Schäfer drückt das so aus:

Die Vorgänge in der Cova da Iria sind nüchterne Tatsachen, die von vielen tausend Menschen erlebt wurden. Sie haben sich tief in das kollektive Bewußtsein dieses Volkes eingegraben, so daß sie langsam einen totalen Wandel der öffentlichen Verhältnisse bewirkten.

Mit anderen Worten: "Maria hat hier in Portugal Geschichte gemacht."

Die Marienerscheinungen von Fatima werden also sozusagen als Wendepunkt im Prozeß des politischen Niederganges gesehen:

Noch im Erscheinungsjahr 1917 bahnte sich die große Wende an, schreibt Josef Wegener, als nämlich ein Militäraufstand den "ideal gesinnten" Sidónio Pais am 5. 12. 1917 die Macht brachte. - "Ideal gesinnt" deshalb, weil er bereits im darauffolgendem Jahr die Beziehungen zum Vatikan wieder aufnahm.

Während seiner kurzen Regierungszeit - Sidónio Pais wurde am 14. Dezember 1918 ermordet - wurden viele Änderungen im Staat durchgeführt: Der Präsident wurde Oberbefehlshaber der Armee, im oblag nun die innere und äußere Sicherheit, außerdem konnte er die Minister und Staatssekretäre frei ernennen und absetzen. Das Parlament wurde der Exekutive untergeordnet, die staatliche Macht zentralisiert, die Zensur eingeführt, und die Unterdrückung der Kirche und der Monarchisten teilweise aufgehoben - es gelang aber nicht, die ökonomischen Schlüsselprobleme zu lösen. Das Regime wandelte sich im gesamten von einem parlamentarischen zu einem präsidentialen System, das Militär bewährte sich als tragende Kraft für die Lösung der politischen Probleme.

Als sich nach dem Ende des 1. Weltkrieges die sozioökonomische Lage immer mehr zuspitzte - es kam zu einer Wirtschafts- und Versorgungskrise - verschärften sich auch die politischen Auseinandersetzungen zwischen den Parteien und der Druck auf das republikanische System wurde immer stärker.

Als es dann auch noch zu einem Finanzskandal innerhalb der Regierung kam, der im Zusammenhang mit einer Schuldenkrise in der portugiesischen Kolonie Angola stand, war ein Umbruch nicht mehr aufzuhalten.

Nach einem gescheiterten Putschversuch des Militärs im April 1925 kam es am 28. Mai 1926 zu einem weiteren Militäraufstand unter der Führung von General Games da Costa, der schließlich das "handlungsunfähige Parlament" auflöste und die "antikirchliche Verfassung" außer Kraft setzte. Dieser Militäraufstand fand in fast allen Bevölkerungsschichten breite Zustimmung und wurde vom Klerus, den Großgrundbesitzern und der Armee unterstützt.

 

 

General Carmona übernahm bald darauf die Regierung und wurde 1928 zum Präsidenten der Republik gewählt, zum Finanzminister wurde Antónis der Oliveira Salazar berufen, dem mit fast unumschränkten Vollmachten die Sanierung des Staatshaushaltes gelang.

Wegener führt diesen Umstand darauf zurück, daß Staatspräsident Carmona, Finanzminister Salazar und einige andere Regierungsmitglieder im Jahre 1929 nach Fatima kamen und sich dort "Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz" weihten.

1932 wurde Salazar zum Ministerpräsident bestimmt und blieb dann mehrere Jahrzehnte lang die beherrschende politische Persönlichkeit in Portugal, er wurde auch zum "Schöpfer des Neuen Staates (Estado Novo), in dem es keine Parteien und keinen Parlamentarismus gibt".

In der am 19. März 1933 in Kraft getretenen neuen Verfassung war die diktatorische Regierungsform fest verankert: Portugal wurde nun "nach faschistischem Vorbild zum korporativistischen Ständestaat". Im Parlament war nur die nationale Einheitsbewegung vertreten; daneben existierte aber auch eine Ständekammer (Cámara Corporativa).

Während des Spanischen Bürgerkrieges (1936-1939) blieb Portugal offiziell "neutral" - es diente aber gleichzeitig "als Basis der Franco-freundlichen Interventionsstaaten".

Schäfer schreibt über Fatima und den Spanischen Bürgerkrieg:

Im Mai 1936 gelobt der portugiesische Episkopat eine Landeswallfahrt nach Fatima, wenn Portugal von den Greueln der von Moskau und der Freimaurerei gesteuerten spanischen Revolution verschont bleibe. Dies ist der Fall, und im Mai 1937 greift die ganze Nation, einschließlich der Regierung, zum Pilgerstab. Nachdem die Revolution in Portugal 1926 gescheitert war, brach sie im Juli 1936 in Spanien nach einer jahrelangen Volksfrontregierung aus. Ihr Programm war die Ausrottung des gesamten Klerus und aller religiösen Orden durch eine grausame Lynchjustiz, die erbarmungslose Unterdrückung aller nationalen und konservativen Elemente, die vollständige Vernichtung der katholischen Religion und alles dessen, was in den Gütern der Nation, vor allem in Kunst, Geschichte und Wissenschaft daran erinnern könnte. Man redet zwar bis heute von einem sogenannten Spanischen Bürgerkrieg, in Wirklichkeit war es aber der Überlebenskampf des christlichen Glaubens und der christlichen Zivilisation gegen die kommunistische Internationale und die Freimaurerei.

 

Der Kardinal von Lissabon ist davon überzeugt,

daß die Weihe Portugals an das Unbefleckte Herz Mariä, die im Jahr 1931 vollzogen wurde, unser Land vor der kommunistischen Gefahr beschützt hat. Diese Gefahr war damals während des spanischen Bürgerkrieges unseren Grenzen sehr nahe. Und dieselbe Weihe verschonte im Jahr 1940 Portugal vor dem Grauen des letzten Weltkrieges, der soviel Zerstörung und Tod in vielen Ländern Europas verbreitete.

 

In diesem Zweiten Weltkrieg war Portugal neutral geblieben, hatte aber Großbritannien und den USA Stützpunkte auf den Azoren gewährt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg behielt Portugal sein autoritär-korporativistisches Regime unter António de Oliveira Salazar bei, es wurde aber durch die Einrichtung der 1958 gebildeten sogenannten Korporationen ausgebaut.

Gegen das Salazar-Regime kam es immer wieder zu Militärputschen, die aber unterdrückt werden konnten. Seit dem Ende der 50er Jahre leisteten liberale, sozialistische, kommunistische und monarchistische Gruppierungen, seit 1965 auch liberale Katholiken Widerstand gegen das Regime.

Im September 1968 übernahm Marcelo Caetano für den schwer erkrankten Salazar die Regierung, seine Versuche, das innenpolitische Leben zu liberalisieren (z.B. durch die Lockerung der Pressezensur) scheiterten. Die wirtschaftliche Lage Portugals spitzte sich zu - vor allem infolge des teuren Kolonialkrieges, sodaß es schließlich zur Inflation kam.

Am 25. April 1974 beendete ein Militärputsch unter General Spínola die Diktatur und brachte die Rückkehr zur parlamentarischen Demokratie mit sich. In der Folge kam es zur Durchführung vieler Reformen, die wichtigsten davon waren die Einführung einer demokratischen Verfassung, freier Wahlen, der Selbstbestimmung für die Kolonien und eine soziale und wirtschaftliche Neugestaltung Portugals.

Bald gelang es dem Kommunismus, durch seine straffe Organisation großen Einfluß auf die neue Demokratie zu gewinnen.

 

Als Alexander Solschenizyn im Juni 1975 vor dem amerikanischen Gewerkschaftsbund in Washington in seiner Rede die Worte: "Wenn ihr weiterschlaft, seid ihr verloren. Jetzt ist Portugal an der Reihe, in den Abgrund zu stürzen", verwendete, zweifelten wohl nur mehr wenige daran, daß Portugal wirklich zu einer Volksrepublik nach östlichem Vorbild umgestaltet werden würde.

Der Versuch der Kommunisten im November 1975 schlug aber fehl, die demokratischen und katholischen Kräfte setzten sich durch und bildeten eine Regierung. Damit wurde dem Ausspruch eines Journalisten von 1976: "Wo die Kommunisten einmal Fuß gefaßt haben, da sind sie nicht mehr zu beseitigen", bereits im vorhinein seine Allgemeingültigkeit genommen.

Der Kardinal von Lissabon führt das auf Fatima zurück:

Und sicher war es die große Verehrung des portugiesischen Volkes für die Jungfrau Maria, die von neuem bestätigt wurde durch die Weihe der Bischöfe im Jahr 1975, die dann den Vorstoß des gottlosen Kommunismus aufhielt, als er sich schon vieler Befehlsstellen der Regierung bemächtigt hatte und das ganze öffentliche und private Leben der Portugiesen zu überfluten drohte.

 

 

8.2 DIE POLITISCHE SITUATION EUROPAS UM 1917

Möchte man die Marienerscheinungen von Fatima im Jahre 1917 in ihrem politischen Kontext betrachten, genügt es nicht, sich auf die Situation im Erscheinungsland, in Portugal, zu beschränken.

Die Erscheinungen fanden zwar dort statt, die Botschaft ist aber nicht nur an Portugal, sondern vor allem an Europa und darüber hinaus auch an die ganze Welt gerichtet.

Auf jedes europäische Land in seiner politischen Entwicklung um die Jahrhundertwende einzeln einzugehen, wäre einerseits viel zu platz- und zeitaufwendig und würde andererseits aber auch von dem ablenken, was im Zusammenhang mit den Erscheinungen wirklich von Bedeutung ist.

Deshalb soll hier nur ein (kurzer) Abriß über die gesamteuropäische Situation um 1917 dargestellt werden:

 

 

Wollte man die Ereignisse in Europa zu dieser Zeit in zwei Sätzen zusammenfassen, so könnte man das wie Fonseca - sehr metaphorisch - so formulieren:

Es war im Jahre 1917; noch immer raste die Kriegsfurie durch Europa. ... Der Weltenbrand ergriff ein Land nach dem andern, einen Kontinent nach dem andern und drohte schließlich, alle Nationen des Erdballs in seinen Flammenwirbel zu ziehen.

 

Doch nun zu einer etwas detaillierteren Beschreibung der Situation:

Durch den Imperialismus, den die europäischen Mächte, aber auch Japan und die USA ab 1880 betrieben hatten, waren auf der ganzen Welt viele Krisen entstanden. Zu erwähnen wären hierbei vor allem die Marokkokrise zwischen Frankreich und Deutschland, außerdem die Balkankrise und als dritte bedeutende Krise die Krise im Fernen Osten, durch die es 1905 zum Krieg zwischen Japan und Rußland kam.

Aus dieser angspannten Situation resultierte ein starkes Wettrüsten besonders der europäischen Mächte sowohl zu See als auch zu Land.

Schenkt man Scheucher Glauben, so wurde bereits zu dieser Zeit vielfach "von der Gefahr eines "Weltkrieges" gesprochen".

Als der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie am 28. Juni 1914 in Sarajewo von einem serbischen Nationalisten ermordet wurden, war auch der Anlaß für einen Krieg gegeben. Hesemann bezeichnet dieses Attentat als den "Funke[n], der das Pulverfaß Europa zur Explosion brachte".

Nachdem Serbien ein von Österreich gestelltes Ultimatum abgelehnt hatte, erklärte schließlich Österreich am 28. Juli 1914 Serbien den Krieg.

Innerhalb weniger Tage weitete sich dieser Krieg zu einem "europäischen Krieg" aus, da die europäischen Mächte durch Bündnissysteme miteinander verknüpft waren: Deutschland stellte sich auf die Seite Österreich-Ungarns (= Mittelmächte), Rußland, Frankreich und Großbritannien (= Triple Entente) unterstützten Serbien bzw. stellten sich gegen Deutschland und Österreich.

 

In diesem Ersten Weltkrieg wurde eine bis dahin völlig unvorstellbare Kriegsmaschinerie eingesetzt: Schlachtschiffe, Unterseeboote, neu erfundene Geschütze, Maschinengewehre, erste Bombenflugzeuge und Panzer, außerdem der Einsatz von Giftgas erhöhten die Grausamkeit des Krieges entscheidend.

Nach zwei Jahren des Krieges und dem Eintritt weiterer Staaten war es noch immer zu keiner Entscheidung gekommen: An allen Fronten war der Krieg längst zu einem Stellungskrieg erstarrt, bei den Mittelmächten herrschte mittlerweilen großer Mangel an Rohstoffen und Nahrungsmitteln. Aus diesem Grund richteten sie 1916 über die Regierung der USA ein Friedensangebot an die Alliierten, das aber abgelehnt wurde, weil es keinerlei Verhandlungsziele enthielt.

Ebenso, wie bereits am Beispiel von Portugal zu sehen war, markierte das Jahr 1917, das Jahr der Marienerscheinungen von Fatima, auch aus gesamteuropäischer Sicht einen Wendepunkt: Mit dem Eintritt der USA in den Krieg 1917, kam es zu einer Wende im Kriegsverlauf:

Amerika verstärkte die alliierten Armeen bis 1918 mit 2 Millionen Soldaten, ausgerüstet mit modernsten Waffen, und trug so zum Sieg der Alliierten entscheidend bei. ... Nach dem Scheitern eines Großangriffes im Westen war der Krieg für die Mittelmächte militärisch endgültig verloren. ... Der Krieg war zu Ende.

 

 

8.3 DIE POLITISCHE SITUATION RUSSLANDS UM 1917

Von allen europäischen Staaten nimmt wohl Rußland - neben Portugal - die wichtigste Stellung im Bezug auf die Marienerscheinungen von Fatima 1917 ein.

Wie bereits erwähnt, forderte die Gottesmutter bei der dritten Erscheinung im sogenannten "zweiten Geheimnis von Fatima" die Weihe Rußlands an ihr Unbeflecktes Herz.

An dieser Stelle drängt sich wohl unweigerlich eine Frage auf: Warum gerade Rußland? Welche Entwicklung in diesem Land war so gefährlich oder besorgniserregend, daß sie Maria zu der Aussage zwang: "Wenn man auf meine Bitte hört, wird Rußland sich bekehren und man wird Frieden haben. Sonst wird es seine Irrtümer in der Welt verbreiten und Kriege und Verfolgungen der Kirche entfachen."?

Um diese Fragen beantworten zu können, ist es nötig, sich mit der damaligen Situation in Rußland näher auseinanderzusetzen:

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das damals zaristische Rußland sowohl sozial, als auch wirtschaftlich von einer "notorischen Rückständigkeit" gekennzeichnet, wie Hildermeier stark betont. Dies zeigte sich unter anderem daran, daß erst ab 1870 in einigen Teilen Rußlands eine verstärkte Industrialisierung eingesetzt hatte, ansonsten war das Land noch um die Jahrhundertwende ein Agrarstaat.

Seit den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts bildeten sich in den Großstädten Moskau und St. Petersburg erste marxistischen Gruppen, in denen auch der junge Rechtsanwalt Wladimir Iljitsch Uljanow - besser bekannt unter dem Namen Lenin - mitarbeitete.

Knapp vor der Jahrhundertwende war von Vertretern der verschiedenen sozialistischen Gruppierungen eine gemeinsame "Russisch Sozialdemokratische Arbeiterpartei" gegründet worden, die aber im Untergrund und durch viele Emigranten im Ausland, darunter auch Lenin, arbeiten mußte.

1903 kam es dann zur Abspaltung der Bolschewiki (= Mehrheitlern) von den Menschewiki (= Minderheitlern), da sich Lenin seine Partei als straff geführte "elitäre Kaderpartei" vorstellte und somit mit der Massenpartei der Menschewiki unzufrieden war.

Die Bolschewiki sollten nach Lenins Meinung in den Arbeitern ein revolutionär-marxistisches Bewußtsein wecken, das eine Revolution zum Sturz des wohlhabenden Bürgertums und die anschließende Errichtung einer Diktatur des Proletariats auslösen sollte. Den Zeitpunkt dieser Revolution machte Lenin "im Gegensatz zu Marx und Engels nicht von der ökonomisch-sozialen Entwicklung der Gesellschaft, sondern von der günstigsten politischen Situation abhängig".

Nach der Kriegsniederlage Rußlands gegen Japan 1905 kam es zu einer ersten Revolution, die von allen Ständen, besonders von den Arbeitern, getragen wurde, aber keinen politischen Umschwung mit sich brachte.

 

 

In der Folge auf den Ersten Weltkrieg, der für Rußland zu einer empfindlichen Niederlage geworden war, kam es immer häufiger zu Streiks und Demonstrationen, in denen vor allem Forderungen nach Frieden, höheren Löhnen, einer neuen Regierung und nach Nahrungsmitteln laut wurden.

Im sogenannten Februaraufstand 1917 verweigerten einige Regimente den Befehl, auf die unbewaffneten Demonstranten zu schießen und stellten sich auf die Seite des Volkes.

Hildermeier beschreibt diesen Umstand folgendermaßen:

Den Todesstoß versetzte dem alten Regime am 27. Februar die massenhafte Fahnenflucht der hauptstädtischen Soldaten. Dies machte die Erhebung endgültig zur Revolution und markierte den qualitativen Unterschied zu 1905: daß der bewaffnete Arm der Autokratie im Innern - wohlgemerkt: (noch) nicht an der Front - seinen Dienst versagte.

 

Kurze Zeit später mußte Zar Alexander II. abdanken, und eine provisorische Regierung übernahm die Staatsgeschäfte.

Im April 1917 wurde Lenin mit ca. dreißig Parteifunktionären - Schäfer spricht von "kommunistischen Verschwörern" - mit Hilfe der deutschen Heeresleitung aus seinem Schweizer Exil nach St. Petersburg gebracht.

Bereits einen Tag nach seiner Ankunft verkündete er in den "Aprilthesen" mit dem Schlachtruf "Alle Macht den Sowjets" ein Programm, das laut Heller und Nekrich "konkret und utopisch zugleich" war:

Die konkreten Forderungen - Beendigung des imperialistischen Krieges, also Verbrüderung mit dem Feind, Enteignung der Großgrundbesitzer, Verstaatlichung des gesamten Grund und Bodens und dessen Übergabe an die örtlichen Sowjets - waren an die Provisorische Regierung gerichtet und, wie Lenin genau wußte, für diese nicht erfüllbar. Der utopische Teil des Programms - die Abschaffung der Polizei, der Armee, der Beamtenschaft, die Ersetzung der Beamten durch gewählte und vom Wähler jederzeit abrufbare Staatsangestellte, die nicht besser gezahlt sein sollten als ein guter Facharbeiter - enthielt Versprechungen einer künftigen Regierung. Lenins Programm ... berücksichtigte die zwei Hauptforderungen der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung (der Bauern): Frieden und Land.

 

 

 

Von diesem Zeitpunkt an nannten die Bolschewiki ihre Partei "Kommunistische Partei" und strebten als nächstes Ziel die Durchsetzung der Diktatur des Proletariats an.

Am 25. Oktober 1917 (nach dem Gregorianischen Kalender am 7. November) kam es schließlich zu einem Staatsstreich der Bolschewiki, der unter dem Namen "Oktoberrevolution" bekannt wurde: Die Bolschewiki besetzten zusammen mit bewaffneten Arbeiterverbänden unter der Führung Trotzkis die strategisch wichtigsten Punkte der Stadt und stürmten das Winterpalais, den Sitz der Regierung.

Die Machtübernahme der bolschewistischen Sowjets war zwar beinahe unblutig verlaufen, zur Sicherung ihrer Macht griffen sie aber auch zu Mitteln des Terrors. So wurde zur "Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage" eine eigene Sicherheitspolizei, die Tscheka, gegründet, die z.B. auch Todesurteile fällen oder Menschen in Zwangsarbeitslager verschicken konnte.

 

An dieser Stelle möchte ich auf die zu Beginn des Kapitels gestellte Frage eingehen: Welche Entwicklung in Rußland war so gefährlich oder besorgniserregend, daß Maria in den Erscheinungen von Fatima auf die Gefahr dieses Landes für die Welt hinwies?

Diese Frage soll hier vor allem anhand von zwei Zitaten beantwortet werden:

  1. Papst Pius XI. hebt in seiner Enzyklika Divini Redemptoris promissio aus dem Jahre 1937 die Gefahr des Kommunismus besonders hervor, indem er ihn eine "satanische Geißel" nennt und "nachdrücklich auf die Taktik der List und Lüge hin[weist], des Versprechens von Gewissensfreiheit und freier Ausübung der Religion". Außerdem betont er auch, daß sich der Kommunismus nur deshalb so weit verbreiten konnte, "weil er mit einem falsch verstandenen Ideal der Gerechtigkeit und Gleichheit wirklich bestehende Mißstände bekämpft habe".
  2. Wegener hingegen relativiert das Ausmaß der Bedrohung durch den Kommunismus:
    Die große Gefahr ist der gottentfremdete Materialismus des Westens nicht weniger als der gottlose Kommunismus des Ostens. Zwischen beide Mühlsteine ist das Christentum geraten. Die kommunistische Bedrohung wird freilich in westlicher Sicht, daher auch von Fatima aus, als akuter gesehen.

Auf meine Frage könnte aber trotzdem zusammenfassend geantwortet werden - zumindest laut Papst Pius XI.:

Der Kommunismus ist in seinem innersten Kern schlecht und bleibt es, er ist seiner Natur nach antireligiös und antigöttlich.

 

 

Seit der Oktoberrevolution von 1917 sind bisher mehr als 80 Jahre vergangen, in der politischen und gesellschaftlichen Struktur Rußlands haben sich viele Änderungen vollzogen.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, die "Gefahr des Kommunismus" sei ein für allemal gebannt, wenn man bei Schäfer liest:

Es geschehen Dinge, die sich kein Politiker und kein Theologe vorzustellen gewagt hätte. Der Bolschewismus wird im August 1991 in Moskau von einer friedlichen Revolution überrollt. Die aggressive Panzerarmee auf dem Roten Platz ist auf unerklärliche Weise gegen ihren Willen gelähmt und zur Passivität verurteilt. Maria wird für die Gottlosen schrecklicher als ein geordnetes Schlachtheer.

Doch wird diese Hoffnung Lügen gestraft durch die Worte, die die Muttergottes laut Hierzenberger und Nedomansky bei der bislang letzten bekanntgewordenen Marienbotschaft vom 7. April 1990 zu Schwester Lucia gesagt haben soll:

Laßt uns nicht täuschen durch die Ereignisse, die in Europa Platz greifen: dies ist eine Täuschung! Rußland wird nicht bekehrt werden, bis Rußland die Geißel für alle Nationen wird. Rußland hat die Geißel zu sein, um alle Nationen zu schlagen. Rußland ist das Werkzeug, das der Ewige Vater gebrauchen wird, um die Welt zu bestrafen: denn Rußland wird den Westen überfallen, und mit Rußland wird China in Asien einfallen. Meine Worte werden verdreht. Die Oberen in der Kirche und die Priester tun dies, um unsere Kinder zu verwirren und sie glauben zu machen, der Weltfriede sei gekommen, und die Bekehrung Rußlands sei da. Dies ist nicht der Fall. Die Welt befindet sich in großer Gefahr. Wenn die Welt nicht umkehrt, wird sie in einen schmerzlichen Krieg hineingestürzt werden. - Die Wende in Osteuropa führt nicht zum Frieden!

 

 


 

9. SCHLUSSWORT

"Die Wende in Osteuropa führt nicht zum Frieden!" so lauten die letzten bekanntgewordenen Worte, die die Gottesmutter im Zusammenhang mit Fatima verwendet hat.

Diese Worte sind als Warnung bzw. Mahnung gemeint und müssen auf jeden Fall auch so gesehen werden.

Doch könnte man dabei nur allzu leicht in Versuchung kommen, auf den tröstlichen und ermutigenden Aspekt der Botschaft von Fatima zu vergessen, wurde doch z.B. die Fürsprache-Funktion Marias von neuem verstärkt hervorgehoben.

Meiner Meinung nach sein Marienerscheinungen im allgemeinen in erster Linie positiv zu sehen - als Bestärkung im Glauben und vor allem auch als Glaubensimpuls.

Und eben diese meine Überzeugung verstärkte sich während der letzten Monate, in denen ich mich sehr intensiv mit den Erscheinungen von Fatima und deren politischen Kontext beschäftigt habe.

Während meiner Arbeit habe ich vor allem eine Erkenntnis gewonnen - nämlich: Ganz egal, wie bedrohend und beängstigend eine Erscheinung bei oberflächlicher Betrachtung wirkt, in erster Linie sollte doch die befreiende Botschaft dahinter Beachtung finden.

Denn:

Marienerscheinungen sind wie das Morgenrot der aufgehenden Sonne,
die eine in Dunkelheit gehüllte Erde erleuchtet:
sie sind die ersten Strahlen und das geheimnisvolle Näherkommen
von Zeichen, die Vorläufer sind für den Triumph dessen,
der kommen wird.
Louis Lochet

 

 


 

10. BIBLIOGRAPHIE

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Judith Kainhofer, Zankwarn 107, A-5571 Mariapfarr

Judith Kainhofer, judith@kainhofer.com, Last updated: Summer 1998